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Als Technik auf Mode traf: Der „Spionage-Fächer”

Fächer waren mehr als Accessoires: Eine Lady konnte mit ihnen flirten, ihre erhitzten Wangen kühlen oder eine Gefühlregung dahinter verbergen. Im späten 18. Jahrhundert erweiterten sich die Funktionen eines Fächers um einen erstaunlichen Aspekt: ein Fernglas, d.h. die Möglichkeit, eine Personen oder die Umgebung unauffällig zu beobachten. Ich entdeckte einige dieser spannenden Exemplare bei einem Besuch des Fächermuseums (Museum of the Fan) in Greenwich, England.

Um 1800 gab es sowohl eine High-End-Version als auch ein Einstiegsmodell des „Spionage-Fächers“.

Das Guckloch

Die ersten „Spionage-Fächer“ waren die sogenannten Guckloch-Fächer (peeping fan). Im oberen Rand des Fächerblattes befanden sich Löcher, die mit transparentem Netzstoff gefüllt und mit Pailletten und Stickereien verziert waren. Durch diese Löcher konnte eine Lady dezent ihre Umgebung beobachten, während sie gleichzeitig ihr Gesicht vor neugierigen Blicke schützte.

Das Einauge

Bei der High-End-Version des „Spionage-Fächers“ verschmolzen Mode und Wissenschaft zu einem fantastischen technischen Spielzeug: Dem Monokular-Fächer. Grundsätzlich waren um 1800 Fächer in der Form einer Kokarde (siehe Bild) modern geworden. In die Mitte der Kokarde fügten findige Hersteller eine kleine Fernlinse ein – fertig war das Fernglas, das sich arglos als Damen-Accessoire ausgab. Die Linse war zwar klein, doch sie war effizient. Zudem war es der Vorteil der Kokarde-Fächer, dass die Linse dezent in der Mitte des Fächers platziert werden konnte, wo sie wenig Aufmerksamkeit erregte. Die Besitzerin eines Monokular-Fächers konnte die Linse mit einer einigermaßen natürlichen Bewegung vor ihr Auge halten.

Hin und wieder wurden auch Brisé-Fächer mit einem Fernglas versehen. Bei diesem zauberhaften Modell (siehe Foto unten) befindet sich die Linse im sogenannten Dorn am Griff des Fächers. Der Dorn hält die Stäbe eines Fächers zusammen. Die Linse ist so klein, das sie kaum auffällt.

Auf dem Foto unten können Sie das Fernglas im Fächer gut aus der Nähe erkennen. Auch hier ist die Linse im Dorn befestigt. Das Fernglas ist vergleichsweise groß. Um es zu tarnen, hat der Hersteller für die Stäbe und das Fächerblatt dunkles, kunstvoll geschnitztes Horn verwendet.

Als Wissenschaft auf Mode traf

Ferngläser wurden bereits im 17. Jahrhundert entwickelt. Mit der Erfindung des achromatischen Doubletobjektivs im Jahr 1733 verbesserte sich die Qualität der Ferngläser erheblich. Doch achromatische Doubletobjektive waren teuer, und der englische Optiker John Dollond hatte ein Patent auf sie. Erst als dieses Patent im Jahr 1772 auslief, konnten achromatische Doubletobjektive auch von anderen hergestellt werden. Als Folge kam es geradezu zu einer Massenproduktion und der Preis fiel um die Hälfte. Das war der Startschuss für die Entwicklung von technischem Spielzeug rund um die Fernlinse. Die Mitglieder der High Society liebten insbesondere die Miniatur-Ausgaben der Ferngläser, die in ausgefallen Formen gebaut wurden. So gab es neben den Fernglas-Fächern für Damen auch Fernglas-Schnupftabakdose für Herren.

 

Quellen

The Fan Museum, 12 Crooms Hill, London SE10 8ER, UK. https://www.thefanmuseum.org.uk/

Maurice Daumas: Scientific Instruments of the Seventeenth and Eighteenth Centuries; Praeger Publishers, 1972