England Schmuggel

Das Schmugglernest

Jane Austen tanzte gern. Im Dezember 1808 besuchte sie einen Ball im Dolphin Hotel in Southampton. An diesem Abend traf sie einen gewissen Captain Corbet James D’Auvergne. Sie betrachtete ihn als gute Partie: Er sei Besitzer eines eigenen Schiffes, schrieb sie in einem Brief an ihre Schwester. Aber Captain D’Auvergne zeichnete sich durch mehr als Wohlstand und Single-Status aus. Jede junge Dame, die ihre Bekanntschaft mit ihm vertiefen wollte, sollte wissen, dass er maßgeblich für Schmuggelgeschäfte verantwortlich war.

Jane Austen und die Königliche Marine

Als Jane Austen in Southampton lebte, war die Stadt ein Tummelplatz für Seeleute der Königlichen Marine, die gegen Napoleon kämpften. Auch Janes Austens Bruder Frank fuhr zur See, und über ihn lernte sie Offiziere der Königlichen Marine kennen. Sie tanzte mit ihnen auf Bällen. Einer von ihnen hatte „eindrucksvolle schwarze Augen“ schwärmte sie in einem Brief an Cassandra. Captain D’Auvergne muss ein guter Bekannter gewesen sein, denn sie erwähnt ihn in ihrem Brief stets ohne weitere Erläuterungen. Was wusste Jane über den Captain und sein Schmugglernest?

Die steile Karriere des Captain D’Auvergne

Corbet James D’Auvergne (1767-1828) stammte von der Insel Jersey und war für ein Leben zur See wie geschaffen. Er trat der Königlichen Marine bei, wurde 1794 zum Lieutenant befördert und diente der Krone, indem er französische Schiffe aufbrachte. Das Jahr 1807 hielt für ihn einen bedeutenden Karriereschritt parat.
Lassen Sie mich ein wenig Hintergrundwissen einstreuen: 1806 hatte Napoleon ein Handelsembargo gegen England verhängt, die sogenannte Kontinentalsperre. Napoleon wollte damit die englische Wirtschaft schwächen. In der Tat blieb den englischen Händlern nichts anderes übrig, als neue Märkte und neue Wege des Handels zu finden: Sie begannen, ihre Waren auf den europäischen Kontinent zu schmuggeln. Die Königliche Marine unterstützte sie dabei. Im September 1807 eroberte sie die Insel Helgoland von den Dänen. Und sie wussten auch schon, wie sie die neue, kleinste Kolonie Englands am besten nutzen würden.

An dieser Stelle kommt Captain D’Auvergne ins Spiel. Er war der Erste Lieutenant an Bord der Majestic, die Helgoland unter dem Kommando von Admiral Thomas McNamara Russell eroberte. D’Auvergne, Mitglied der Delegation, die die Kapitulationsverhandlungen führte, erfüllte seine Mission erfolgreich. Er wurde zum kommissarischen Gouverneur des jüngsten Besitztums der englischen Krone ernannt.

Er war der richtige Mann für diesen Job: Natürlich war er – wie viele andere – hochmotiviert und verfügte über ein exzellentes Urteilsvermögen. Aber er hatte darüber hinaus einnehmende Umgangsformen und ein gutes Herz. Er begegnete den Helgoländern mit Respekt und konnte sie so mit dem Gedanken versöhnen, über Nacht ein Teil Englands geworden zu sein. Er bemerkte rasch, dass viele Einwohner der Insel in bitterer Armut lebten, so dass es eine seiner ersten Amtshandlungen war, Roggen, Kartoffeln und Fleisch aus England zu beschaffen.

Das Schmugglernest

Für die Helgoländer brach nun ein goldenes Zeitalter an. Ihr neuer Gouverneur gewährte im November 1807 Händlern aus London das Recht, englische Waren über Helgoland nach Rostock zu verschiffen. Diese Idee brachte einen wahren Geldregen: Schon 1808 siedelten sich mehr als 200 Händler auf Helgoland an. Sie benötigten Lagerräume und Betten zum Schlafen. Die Helgoländer vermieteten ihnen beides, und die Händler zahlten, was immer von ihnen verlangt wurde. Wer mutig war und die tückische Nordsee kannte, dem winkten weitere Chancen: Schmuggler wurden benötigt, die die englische Ware an den französischen Schiffen vorbei weitertransportierten. Rund 300 Helgoländer Seeleute ließen sich nicht lange bitten. Der Job war gefährlich, denn die Franzosen setzen alsbald eine Belohnung auf die Ergreifung der Schmuggler aus. Doch das Risiko wurde reich belohnt. Kein Wunder, dass die Insulaner ihrem Gouverneur eine silberne Teekanne schenken, als er später Helgoland verließ.
Von 1808 bis zum Ende der Napoleonischen Kriege gelangten pro Jahr Waren im Wert von £ 8.000.000 über Helgoland in alle Welt, darunter riesige Mengen Mais für Deutschland. Die kleine, windumtoste Insel in der Nordsee war das Zentrum des Schmuggels schlechthin und drehte Napoleons Kontinentalsperre eine lange Nase.

Was verbirgt sich hinter der Uniform?

Zu Jane Austens Zeiten lebten Männer und Frauen in unterschiedlichen Welten, die nur wenige Berührungspunkte hatten. Eine Dame, die mit Captain D’Auvergne auf einem Ball tanzte, war vielleicht von der schmucken Uniform und dem Kapitänspatent beeindruckt, aber sie wusste nicht unbedingt, dass er über ein Schmugglernest befehligte. Eine clevere Dame wie Jane Austen aber, die regelmäßig die Zeitung las und mit wachem Blick durch die Welt ging, sah vermutlich alle Facetten von Captain D’Auvergne. Und wenn sie auch nur einen Funken Abenteuerlust in ihrem Blut hatte, hat sie eine Begegnung mit ihm mindestens so romantisch gefunden wie die „eindrucksvollen schwarze Augen“ eines beliebigen Tanzpartners.

Quellen

  • Austen-Leigh, William / Austen-Leigh, Richard Arthur: Jane Austen, Her Life and Letters; Smith, Elder & Co., 1913
  • Drower, George: Heligoland: The True Story of German Bight and the Island the Britain Forgot; The History Press, 2002.
  • Hill, Constance: Jane Austen: Her Homes and Her Friends; Johne Lane, 1901
  • Ritsema, Alex: Heligoland, Past and Present; Lulu, 2007
  • http://www.thornburypump.co.uk/Ancestry/Joseph_Ratcliff/heligoland.html
  • http://www.britishempire.co.uk/maproom/heligoland.htm