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Im Geheimdienst Seiner Majestät

Angelique Le Tourneur schien eine gewöhnliche Fischersfrau  zu sein. In ihrem kleinen Boot segelte sie entlang französischen Küsten von Dorf zu Dorf und verkaufte ihren frischen Fang. Doch der Schein trügt: Angelique gehörte einem Spionagering an, der von der englischen Insel Jersey aus betrieben wurde.

Der Spionagering nannte sich “La Correspondance”. Sein Chef war Philipp D’Auvergne (1754 – 1816). “La Correspondance” war Teil des britischen Geheimdienstes und operierte 18 Jahre lang im Nordwesten Frankreichs. Das Ziel war es, den König von Frankreich wieder auf den Thron zu bringen.

Die Aufgaben der Spione

Die Mitglieder von “La Correspondance” hatten unterschiedliche Aufgaben. Einige von ihnen übermittelten Botschaften – so wie Angelique Le Tourneur. Sehen wir uns Angeliques Boot einmal näher an: Fisch war ihr Hauptladung, aber oft hatte sie Päckchen mit geheimen Informationen an Bord versteckt. Diese lieferte sie an eine gewisse Madame de Clinchamp. Madame Clinchamp leitete die Informationen an den nächsten Agenten weiter.

Andere Mitglieder von “La Correspondance” boten ihre Häuser als Versteck für Agenten an, die auf dem Weg nach Jersey waren. Ein geheimer und sicherer Unterschlupf  – Vertrauenshaus genannt – , war sehr wichtig: Zwar gab es allein in der Region La Manche in der Bretagne rund 300 Menschen, die für D‘Auvergne arbeiteten oder mit ihm sympathisierten, doch die Mehrheit der Einwohner der Bretagne war anti-royalistisch. Überall lauerte Verrat, und die französische Marine patrouillierte an der Küste auf der Jagd nach feindlichen Spionen. Besonders gefährdet waren Agenten, die auf ein Schiff aus Jersey warteten. Einst wurden der Agent Armand de Chateaubriand und sein Begleiter von einer Patrouille entdeckt. De Chateaubriand hatten eine Nachricht an D’Auvergne bei sich. Er riss das Papier in Stücke, aß es auf und rannte um sein Leben. Lesen Sie in seinen eigenen Worten, was geschah:

„Ich (…) sprang über einen tiefen Graben. Ich wäre eher gestorben, als dass ich mich ergeben hätte. Sie feuerten eine Salve ab, aber ich hatte das Glück, nicht getroffen zu werden (…). Das Land um mich herum war offen, es gab keine Verstecke; aber ich hatte einen Vorsprung und ich bewahrte ihn, und endlich gelang es mir, einen Wald zu erreichen, in dem sie mich aus den Augen verloren. (…) Zu diesem Zeitpunkt war ich völlig erschöpft. Ich hatte gerade noch genug Kraft, mir mit meinem Karabiner einen Weg durch das Dickicht zu bahnen.“ (1)

 

Eine andere Methode, um Berichte von Frankreich nach Jersey zu übermitteln, war, sie in vorbestimmten Verstecken in den Felsen entlang der Küste zu hinterlegen. In der Nacht kamen Boote von Jersey und holten die geheimen Dokumente ab.

Geheimtinte und Tarnnamen

Die Mitglieder von “La Correspondance” kannten sich nur unter ihrem jeweiligen Pseudonym, etwa Le Vigoreux, Petit Philippe, Fidelis, L‘Anonym, and L’Eremit. Angeliques Pseudonym lautete Pipette.

Die Agenten achteten darauf, dass ihre Berichte nicht von ihren Feinden entdeckt oder entschlüsselt werden konnten. So schrieben sie beispielsweise mit weißer Flüssigkeit auf weißem Papier. War solch eine unsichtbare Tinte nicht zur Hand, verfassten sie ihre Botschaften in Codewörtern. Die Codewörter stammten aus der Pflanzenkunde, der Musik, der Kochkunst oder dem Schneiderhandwerk.

Tödliche Gefahren

Spionage war schon immer ein gefährliches Geschäft: Pipette und Madame Clinchamp wurden letztendlich verhaftet. Ihr Schicksal ist unbekannt, aber Spionage wurde normalerweise mit Gefängnis oder dem Tod bestraft. Armand de Chateaubriand –  der Agent, der seine Informationen verspeiste – konnte einst entkommen:

„Glücklicherweise fanden die Soldaten mein Versteck nicht, nur einer ihrer Hunde spürte mich auf, aber er sah mein Gewehr und dachte wohl, dass ich bei der Jagd sei; er schnüffelte an meiner Waffe und trollte sich wieder.“ (1)

 

De Chateaubriand’s Begleiter hatte weniger Glück. Er wurde gefasst und erschossen.

Viele von D’Auvergnes Agenten wurden gefasst oder gaben gar ihr Leben für ihre Mission. D’Auvergne sorgte dafür, dass verletzte Agenten und Hinterbliebene Pensionen erhielten.

Napoleon ein Dorn im Auge

Napoleon waren der Spionagering von D’Auvergne und die Bereitschaft der Einwohner von Jersey, gegen das napoleonische Frankreich zu kämpfen, ein Dorn im Auge. “Frankreich kann dieses Räubernest nicht länger dulden”, wetterte er 1804 in einem Artikel in der ‘Gazette Nationale ou Le Moniteur Universal’, einer der Zeitungen, die der kontrollierte. “Jersey ist Englands Schande!“

War es „nur“ die Spionagetätigkeit, die Napoleon so aufbrachte? Mitnichten. D’Auvergne hatte viele Pfeile im Köcher, die er gegen Napoleon richtete. So versorgte er die sogenannten „Chouans“, eine Gruppe französischer Royalisten, mit Waffen und Munition. In zahllosen Nächten wurde diese brandgefährlichen Lieferungen von Jersey aus nach Frankreich geschmuggelt, vorbei an allen Patrouillen. Außerdem schifften D’Auvergne’s Leute gefälschte französische Geldscheine, hergestellt in England, nach Frankreich. Das Falschgeld sollte die französische Wirtschaft schwächen.

Freibeuterei war eine besondere Stärke von Jersey: Die englische Krone hatte normale Schiffseigentümer der Insel mit der Sondervollmacht ausgestattet, französische Schiffe anzugreifen und den Profit, den sie dabei machten, einzustreichen. Die Kaufleute von Jersey nahmen diese Nebentätigkeit bereitwillig auf, und viele von ihnen machten mit Freibeuterei ein Vermögen.

Die Royalisten in Frankreich hatten noch einen dreisteren Plan, bei dem D’Auvergne ihnen helfen sollte: Die Entführung von Napoleon. Es heißt, Napoleon sollte nach Jersey verschleppt und unter der Aufsicht von D‘Auvergne im Mont Orgueil Castle gefangen gehalten werden. Dieser Plan schlug allerdings fehl.

Vermutlich war es ein Glück für den französischen Kaiser, dass D’Auvergnes Spionagering nach und nach von französischen Agenten infiltriert wurde. Die Vertrauenshäuser wurden enttarnt, und zahlreiche Agenten verhaftet. 1808 erhielt der Spionagering endgültig seinen Todesstoß: Er wurde aus den eigenen Reihen verraten. Der „Maulwurf“ war Noel Prigent, ein führendes Mitglied von “La Correspondance”.

Quellen

(1) Herpin E. / Colquhoun Grant, Mrs.: The hero of Brittany. Armand de Chateaubriand; Mills & Boon’s, 1914.

Ashelford, Jane: In the English Service. The Life of Philippe D’Auvergne”, Jersey Heritage Trust, 2008.

Balleine, George Reginald (Author) / Syvret, M. (Editor) / Stevens, J. (Editor): Balleine’s History of Jersey; Phillimore & Co Ltd. 1981.

Sinsoilliez, Robert: Les espions du roi; Franck Martin: 2006.

http://www.theislandwiki.org